Michael Totschnig: Wien und der Tod

Geschichte des Bestattungswesens in Wien

Anhand der Entwicklung des Bestattungswesens in Wien lassen sich die Stationen der Säkularisierung des Umganges mit dem Tod, die zugleich Stationen seiner Verdrängung an die Ränder des Lebens sind, nachzeichnen.

Der mittelalterliche Freithof als Ort des öffentlichen Lebens

Die christliche Vorschrift, daß dieToten in unmittelbarer Nähe der Kirche oder sogar in den Kirchen selbst bestattet werden müssen, führte zu den mittelalterlichen Freithöfen, die rund um die Pfarrkirchen angelegt waren, und auf denen Leben und Tod noch einen engen Bezug hatten, denn sie waren unbeschadet ihrer sakralen Funktion auch Orte des öffentlichen Lebens, auf denen gehandelt, gefeiert, selbst der Prostitution nachgegangen wurde. Freithof hieß nicht viel mehr als umgrenzter, "eingefriedeter" Ort. Erst eine gänzlich andere, der unseren näher stehende Sensibilität ließ aus dieser Bezeichnung das Wort "Friedhof" entstehen. In Wien gab es zunächst rund um die Ruprechts- und die Peterskirche Freithöfe, später um die Pfarrkirchen St. Stephan, St. Michael und zu "Unserer Lieben Frau" (Schottenstift). Für die Kirche waren die Gebühren für Begräbnisse wichtige Einnahmen und für den Gläubigen stellte die Nähe zur Kirche einen Trost dar, auch jenseits des Todes sich auf religiösen Schutz verlassen zu können. Die soziale Hierarchie kam in der Anordnung der Grabstellen zum Ausdruck: Während die Bestattung innerhalb der Kirche bald zum Privileg der Bischöfe und des Adels wurde, gab es auch auf dem Freithof eine Unterteilung durch den Prozessionsweg, innerhalb dessen die Bestattung aufgrund der Nähe zur Kirche begehrter und gehoberen Schichten vorbehalten war als außerhalb. Gänzlich vom Friedhof verbannt und meist auf sogenannten "Schindangern" oder an Wegkreuzungen begraben wurden die Vertreter der "ehrlosen" Berufe wie Henker, Bader, Totengräber und Nachtwächter sowie Spielleute, Verbrecher und Selbstmörder.

Die Pest verändert den Bezug zum Tod

Bereits im 16. Jahrhundert setzten Bestrebungen ein, öffentliche Friedhöfe in die Vorstädte zu verlagern. Grund dafür waren der Platzmangel, aber auch das stärker werdende Bewußtsein von hygienischen Mißständen. Vor allem die Pest führte erstmals zur Errichtung großér Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurden die Friedhöfe in der Stadt geschlossen, nur in den Kirchengrüften wurden noch Bestattungen durchgeführt.

Die Reformen Josefs II.

Joseph II bemühte sich Ende des 18. Jahrhunderts, um eine generelle Reform des Bestattungswesens. Er ordnete die Auflassung aller Friedhöfe innerhalb der Linien (des heutigen Gürtels) an und verbot die Bestattung in den Kirchengrüften (wovon nur die Kaiserfamilie in der Kapuzinergruft, die Erzbischöfe in der Stephansgruft und das Kloster der Salesianerinnen ausgenommen wurden). Der Luxus der Grabgestaltung, den sich ein Teil des Bürgertums bereits leisten konnte, sollte durch Verbote eingedämmt werden und Sparsamkeit und Funktionalität sich als Prinzip bei der Bestattung durchzusetzen (durch Schachtgräber und wiederverwendbare Klappsärge). Da diese Verordnungen hartnäckigen Widerstand von Seiten der Kirche, die ihre Einnahmen nicht verlieren wollte, und des um das Recht auf einen "individuellen" Tod fürchtenden Volkes hervorriefen, mußten sie zum Teil wieder rückgängig gemacht werden. Die Errichtung der "communalen Friedhöfe" außerhalb der Linien setzte sich jedoch durch; darunter der St. Marxer Friedhof, der noch heute ein Bild von der Bestattungskultur des Biedermeier bietet. Durch das Anwachsen der Vorstädte wurden diese Friedhöfe bald zu klein und konnten nicht mehr erweitert werden.

Die Verdrängung der Toten

Während die sogenannten "communalen" Friedhöfe noch von der Kirche verwaltet wurden, sollte nun die Stadt die weitere Planung, Bau und Verwaltung der Freidhöfe übernehmen. 1869 beschloss der Gemeinderat die Errichtung eines Zentralfriedhofes, es wurde ein weit außerhalb der Stadt liegendes Grundstück angekauft. das 1874 seiner Bestimmung übergeben wurde. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten mit dem Fortgang der Gestaltungsarbeiten und trotz der großen Entfernung vom Stadtzentrum ist der Zentralfriedhof heute von den Wienern als "Grabstapark Zenträu", wie ihn Helmut Qualtinger in einem Lied nannte, akzeptiert. Auf 2,5 Millionen Quadratmetern Fläche ruhen in 330.000 Grabstellen 3 Millionen Verstorbene.

Feuerbestattung

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewann die Idee der Feuerbestattung, die in vorchristlichen Kulturen stark verbreitet war, wieder Anhänger. Liberale Bürger gründeten 1885 den Verein "Die Urne" und auch verschiedene Arbeitervereine wollten dieser Idee wieder zur Anerkennung verhelfen. Es dauerte jedoch bis nach dem 1. Weltkrieg bis die Gemeinde Wien die Errichtung eines Krematoriums beschloß, dessen Inbetriebnahme durch die Weisung des Ministeriums der Republik verhindert werden sollte, jedoch vom Verfassungsgerichtshof erlaubt wurde. Die katholische Kirche hat erst in den 60-er Jahren ihre Bedenken gegen die Feuerbestattung gemildert. 1991 gab es in Wien fast 70000 Urnengräber, neben 590000 Erdgräbern.

Mörderische Konkurrenz

Im Bestattungsgewerbe hatte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Folge der Säkularisierung eine starke Konkurrenz zwischen privaten Unternehmern entwickelt. Das Repräsentationsbedürfnis des Bürgertums führte dazu, daß sich die "Bestattungsindustrie" mit exzentrischen Angeboten selbst zu überbieten versuchte. Von der Pflege des toten Körpers, über die Ausgestaltung des meist noch am Wohnort befindlichen Aufbahrungsraumes, die Gestaltung des Trauerzuges mit pompösen Kutschen und feierlich gekleideten Fackel- und Wappenträgern bis zur Gestaltung des Grabes wurde versucht, aus dem Verstorbenen eine "schöne Leich" zu machen. Von dem Namen eines der größten Bestattungsunternehmen, der "Entreprise des Pompes funèbres" leitet sich der wienerische Ausdruck für Sargträger, der Pompfüneberer" ab. Als die Methoden im Konkurrenzkampf der im Jahre 1894 auf 83 angewachsenen Unternehmen immer aufdringlicher wurden - z.B wurde den Hausmeistern für die Bekanntgabe von schweren Erkrankungen Provisionen angeboten) entstand die Idee zur Gründung eines städtischen Unternehmens.

Bestattung als kommunale Dienstleistung

1907 kaufte und vereinigte die Stadt zwei der größten Unternehmen, bis 1953 wurden nach und nach auch alle anderen privaten Betriebe erworben, so daß heute die "Bestattung Wien" als kommunaler Betrieb allein für alle Angelegenheiten bei Todesfällen zuständig ist. Von den 54 aktiven Wiener Friedhöfen werden noch drei von der römisch-katholischen Kirche, zwei von der evangelischen Kirche und drei von der Israelitischen Kultusgemeinde betreut.



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