Michael Totschnig: Wien und der Tod

Wien und der Tod: ein Klischee?

Es sind oft ganz alltägliche Erfahrungen, die der Stadt Wien den Ruf, mit dem Tod besonders vertraut zu sein, eingebracht haben: Erfahrungen mit der Architektur, mit der Populärkultur, mit dem, was den Wiener "Hamur" und das Nörgeln, die zeitweilige Gemütlichkeit und die zeitweilige Ungemütlichkeit der Wiener ausmachen.

Die alten und die neuen Wiener und Heurigen-Lieder sprechen den Tod auf zärtlich-triviale Weise an. ("Es wird a Wein sein und mir wen nimmer sein", oder "Einmal macht's an Plumpser und aus is" oder Ludwig Hirschs Ballade vom "Großen Schwarzen Vogel")

Allerheiligen ist in Wien ein besonderer Feiertag, an dem viele Wiener und Wienerinnen den weit draußen am Zentralfriedhof liegenden Toten einen festlichen Besuch abstatten.

Das Stadtbild Wiens trägt gewisse museale Züge: Eine vergangene Bedeutung kommt nicht immer den Anforderungen der Gegenwart entgegen. Zwischen den vielen alten Gebäuden Wiens kann man auch schlendern wie zwischen den Gräbern eines Friedhofes: ein wenig ehrfürchtig, ein wenig ungläubig und vor allem mit der Aktualität beschäftigt.

Jeder kennt die mythische Figur des Sängers Augustin, der in einer Pestgrube übernachtet, um dann fröhlich weiterzusingen. In der Wiener Literatur finden sich auch weniger fröhliche Figuren, die immer dabei sein wollen, wenn es um den Tod geht, und sich dabei vergewissern, daß es sie selbst wieder einmal nicht getroffen hat.

Auch in der Archtitektur hat die Geschichte des Todes Spuren hinterlassen: An die Pest, die zwischen 1348 und 1713 neun mal in Wien zum Ausbruch kam, erinnern heute noch die Dreifaltigkeitssäule am Graben und die Karlskirche, die jeweils nach einem kaiserlichen Gelübde für das Nachlassen der Seuche (1679 und 1713) errichtet wurden. Im Zeitalter des Barock, das in Österreich ungleich länger andauerte als in den Nachbarländern, war auch aufgrund der ständigen Gegenwart der Pest der Tod ein wichtiges Element der kulturellen Repräsentation. Dies läßt sich aus den Berichten von den Begräbnissen der Mitglieder der Kaiserfamilie und des Adels, an denen das ganze Volk angehalten war, teilzunehmen, ablesen und die Sarkophage der "Barockkaiser" von Leopold I bis Maria Theresia in der Kapuzinergruft sind noch heute imposante Denkmäler dieser Inszenierung des Todes.

Im 19. Jahrhundert orientierte sich das Bürgertum an der kaiserlichen Prunkentfaltung bei Begräbnissen und die "Pompfüneberei" mit ihrer Ausgestaltung aller Details wurde sprichwörtlich. Viele Reliquien dieser Zeit sind im Bestattungsmuseum erhalten. Damals war es üblich von einer "schönen Leich" zu sprechen, worunter man die standesgemäße Repräsentation des Verstorbenen verstand. Viele Berichte schildern, wie sehr die feierlichen Begräbniszüge die Stadt geprägt haben und wie großen Anteil das Volk daran nahm. Die Kultur der Jahrhundertwende mußte, als ein starkes Interesse an allen Schattenseiten des Lebens entstand, nach den Bildern des Todes nicht lange suchen.

Am Ende des 20. Jahrhunderts, das im Zeichen zweier Kriege steht, in denen eine industrielle Produktion von Tod möglich wurde und zur unvorstellbaren systematischen Vernichtung eines Volkes eingesetzt wurde, unterscheidet sich der Umgang mit dem Tod eigentlich nur mehr unmerklich von vergleichbaren Großstädten: Es herrscht jene ehrfürchtige Distanz gegenüber einer Macht, der wir nur mehr ein anonymes Gesicht zugestehen, dessen reale Erfahrung in spezialisierten Stätten wie Krankenhäusern und Altersheimen gemacht wird, von der wir jedoch unzählige über die Massenmedien vermittelte Bilder konsumieren.

Und doch gibt es noch Spuren jener Zeit, als die Wiener sich versammelten, um eine "schöne Leich" zu bestaunen, nicht zuletzt auf den Stationen dieses Rundganges.



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